Benjamin Bessinger/SP-X - 3. Mai 2017, 11:24 Uhr AUTOMOBIL
Fahrbericht: McLaren 720S - Britischer Überflieger
Von wegen ,,verflixtes siebtes Jahr''! Für McLaren könnte sich das siebte Jahr nach dem Start auf der Straße als Glücksjahr erweisen. Denn jetzt gehen sie die Briten mit dem 720S als erstem neuen Modell in die zweite Runde - und das ist besser denn je.
Für das erste Modell der zweiten Generation haben sie ihren Baukasten deshalb in jeder Hinsicht kräftig auf Vordermann gebracht: Die Karbonstruktur der Karosserie ist steifer, leichter und geräumiger geworden, das siebenstufige Doppelkupplungsgetriebe schaltet schneller und feinfühliger und am Motor ist kaum ein Teil unberührt geblieben. Deshalb wurde nicht nur der Hubraum von 3,8 auf 4,0 Liter aufgebohrt, es gibt auch neue Lader mit kürzeren Ansprechzeiten, neue Zylinder, neue Ventile - und natürlich neue Eckdaten. So kletterte das maximale Drehmoment auf 770 Nm und die Leistung - nomen es omen - auf 720 PS.
Und damit niemand die Evolution bei der Technik zu geringschätzt, haben sie den Wagen spektakulär neu eingekleidet. ,,Wir wollten, dass er schon im Stand aussieht wie 200 km/h", sagt Designchef Rob Melville über die kaum 1,20 Meter flache Flunder mit der Kanzel eines Kampfjets und einer Karosserie wie aus dem Windkanal. Dabei schindet der 720S zwar mächtig Eindruck, lässt sich aber trotzdem nicht zu billigen Showeffekten herab. Jedes noch so aufmerksamkeitserheischende Detail in der Formgebung ist nur die hübsche Verpackung für eine Funktion: Die tiefen Höhlen zum Beispiel, in denen die Scheinwerfer liegen, dienen genauso der Luftführung wie die zweite Haut auf den Flanken und machen bis auf die riesige Airbrake am Heck alle Schweller und Spoiler überflüssig.
Zwar ist der 720S tatsächlich noch einmal stärker, schärfer und schneller geworden. Und auch wenn er selbst unter verschärften Bedingungen lange nicht so viel Spektakel macht wie ein Ferrari oder Lamborghini, ist der Engländer in Eile den Italienern auf der Rennstrecke und der Landstraße mehr als ebenbürtig. Doch was ihn vor allem von seinen Konkurrenten und auch von seinem Vorgänger abhebt, das ist sein deutlich höheres Maß an Alltagstauglichkeit. Nicht umsonst gibt es zu den 150 Litern im Bug noch einmal 210 Liter Ladevolumen auf der Pritsche hinter den Sitzen, die sich über den Mittelmotor legt. Vor allem aber gilt das für die Übersicht, die man in diesem Auto genießt.
Dass der 720S dabei mit 247.350 Euro auch deutlich teurer geworden ist als der Vorgänger 650S, scheint die reichen Raser offenbar nicht zu stören. Denn obwohl ihn bislang kaum ein Kunde gesehen, geschweige denn gefahren hat, haben die Briten bereits 1.400 Bestellungen in den Büchern und damit die Produktion für den Rest des Jahres längst ausverkauft.
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