MOTOR-EXCLUSIVE

Ralf Loweg - 2. November 2016, 14:45 Uhr MOTORSPORT

VW-Schock: Vollbremsung in der Rallye-WM

Volkswagen schockt die Motorsport-Gemeinde mit einer Vollbremsung. Die Wolfsburger steigen nach dieser Saison aus der Rallye-Weltmeisterschaft aus. Der neue Polo WRC wandert damit ohne einen einzigen Wettbewerbskilometer direkt ins Museum. Was steckt hinter dieser Entscheidung?


Das neue Rallye-Auto für die Saison 2017 hat Volkswagen bereits entwickelt. Seit einem Jahr ist der neue Polo WRC nun im Testbetrieb. Und am 7. Dezember 2016 sollte dieser Rallye-Renner bei der sogenannten "Car Launch" in Berlin offiziell der Weltöffentlichkeit vorgestellt werden. Doch jetzt schockt VW die Rallye-Gemeinde mit einer Vollbremsung. Die Wolfsburger steigen nach dieser Saison aus der Rallye-Weltmeisterschaft aus. Der neue Polo WRC wandert damit ohne einen einzigen Wettbewerbskilometer direkt ins Museum.

Sein Vorgänger, der aktuelle Polo WRC, wird dagegen als eines der erfolgreichsten Rallye-Autos in die Geschichte eingehen. Seit dem WM-Einstieg der Marke 2013 holte der Kleinwagen bei 51 WM-Einsätzen in vier Jahren 42 Siege. Und was für eine Ironie: Erst vor wenigen Tagen wurde nach dem Gewinn der Fahrer-Weltmeisterschaft auch der Team-Titel gefeiert. Vier Jahre lang war VW in der Rallye-WM von einem Sieg zum nächsten geeilt und hatte die Konkurrenz nach Belieben beherrscht: 12 WM-Titel in Folge - für Fahrer, Beifahrer und das Team - belegen eindrucksvoll die VW-Dominanz, und auch für die Saison 2017 galten die Wolfsburger als der haushohe Favorit. Der Ausstieg ist umso unverständlicher, da Toyota im kommenden Jahr in die Rallye-WM zurückkehrt - denn die Japaner sind schließlich der größte VW-Rivale auf dem Automarkt.

Die alte Weisheit, man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist, muss in den Ohren aller Mitarbeiter der Motorsport-Abteilung wie der pure Hohn klingen. Und der viermalige Rallye-Weltmeister Sebastian Ogier steht kurz vor Weihnachten erstmal auf der Straße. Und so wird das Saisonfinale am 17. November zu einer Abschiedsvorstellung mit Symbolcharakter. Denn auch wenn der VW Polo WRC seinen letzten Auftritt auf der großen Rallye-Bühne als Sieger beenden sollte, heißt es letztlich: Down under ganz unten. Und was passiert jetzt überhaupt mit den Mitarbeitern von Volkswagen Motorsport? Für diese bestünde eine Beschäftigungsgarantie, versichert VW-Entwicklungsvorstand Frank Welsch.

Welche Rolle "Diesel-Gate" bei der Entscheidung gespielt hat, bleibt dahingestellt. Fakt ist: Auch Konzern-Tochter Audi wird ihr Motorsport-Programm neu ausrichten. Die Ingolstädter steigen zum Jahresende aus der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) mit den 24 Stunden von Le Mans als Höhepunkt aus. Damit fällt der von den vielen Fans erhoffte Dreikampf zwischen Weltmeister Porsche und den Herausforderern Audi und Toyota ins Wasser. Die Herren der vier Ringe zieht es stattdessen zur Formel E, der einzigen Rennserie mit rein elektrischen Fahrzeugen. Auch VW ist in dieser Serie bereits als strategische Partner am Start. Die Botschaft dahinter ist klar: Mit Elektroautos geht schließlich alles nicht nur leiser, sondern vor allem sauberer zu. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und nur eine cleverer Marketing-Kampagne dahinter vermutet.

Und wie verkauft VW die Entscheidung, die für Insider keineswegs überraschend kommt? Schließlich gibt es die Gerüchte seit dem verkündeten Abgang von Motorsportchef Jost Capito Anfang des Jahres? "Die Marke Volkswagen steht vor gewaltigen Herausforderungen. Mit dem anstehenden Ausbau der Elektrifizierung unserer Fahrzeug-Palette müssen wir all unsere Anstrengungen auf wichtige Zukunftstechnologien konzentrieren", sagte Entwicklungsvorstand Frank Welsch vor rund 200 Motorsport-Mitarbeitern in Hannover. In der Rallye-WM habe man die sportlichen Ziele weit übertroffen: "Nun werden wir Volkswagen Motorsport neu ausrichten und auch dort die Fahrzeugtechnik der Zukunft stärker in den Mittelpunkt rücken." Was bedeutet das genau? Volkswagen werde nun verstärkt im Kundensport Flagge zeigen, so Frank Welsch: "Neben dem Golf GTI TCR auf der Rundstrecke und dem Beetle GRC im Rallycross möchten wir auch im Rallye-Bereich Spitzenprodukte für Kunden anbieten und werden einen neuen Polo nach R5-Reglement entwickeln."

Mit dem Golf GTI TCR bietet Volkswagen Motorsport seit der Saison 2016 ein seriennahes Kundensport-Fahrzeug an. In den USA setzt Volkswagen of America zwei Beetle in der Global-Rallycross-Serie ein, die von Volkswagen Motorsport in Hannover entwickelt wurden und bereits für die Saison 2017 vorbereitet werden. Scott Speed gewann den Fahrertitel in der US-Serie 2015 und 2016, in dieser Saison ging zusätzlich der Hersteller-Titel an Volkswagen. Aufgrund der vorhandenen Erfahrung im Rallycross wird die Marke einen Ausbau dieser Aktivitäten untersuchen, heißt es. Darüber hinaus wird Volkswagen 2017 mit der Neuentwicklung eines Rallye-Fahrzeuges der R5-Kategorie auf Basis der nächsten Fahrzeug-Generation des Polo beginnen, um das Auto ab 2018 Kunden zum Kauf anbieten zu können.

Volkswagen-Motorsport-Direktor Sven Smeets bedauert den Abschied aus der WRC sehr. Für die Marke Volkswagen sei es das bislang erfolgreichste Kapitel ihrer Motorsport-Geschichte gewesen. Gleichzeitig sei der Blick nach vorne gerichtet: "Mit unserer Neuausrichtung möchten wir einen Beitrag für den Erfolg der Marke Volkswagen leisten. Von nun an liegt der Fokus auf kommenden Technologien im Motorsport sowie auf unserem Kundensport-Angebot, welches wir noch breiter und attraktiver aufstellen werden", so Sven Smeets. Und wer weiß: Vielleicht kommt ja irgendwann mal wieder das Thema "Formel-1-Einstieg" auf den Tisch - wenn der Ärger um die Diesel-Affäre verraucht ist.

Ralf Loweg

Dieser Artikel aus der Kategorie MOTORSPORT wurde von Ralf Loweg am 02.11.2016, 14:45 Uhr veröffentlicht.