MOTOR-EXCLUSIVE

Mirko Stepan - 17. Oktober 2016, 16:18 Uhr SERVICE

Klare Sicht von der grünen Insel

Wer nach Tuam im Nordwesten Irlands kommt, sieht auf dem Weg dorthin überwiegend Wiesen und Weiden. Die grüne Insel macht ihrem Namen in dieser Region alle Ehre. Einen der größten Automobilzulieferer weltweit und den führenden Hersteller von Kamerasystemen für die Auto-Branche erwartet man hier nicht. Dennoch hat der französische Konzern Valeo sein Hauptquartier für die 'Vision Systems' hier aufgeschlagen.


Wer nach Tuam im Nordwesten Irlands kommt, sieht auf dem Weg dorthin überwiegend Wiesen und Weiden. Die grüne Insel macht ihrem Namen in dieser Region alle Ehre. Einen der größten Automobilzulieferer weltweit und den führenden Hersteller von Kamerasystemen für die Auto-Branche erwartet man hier nicht. Dennoch hat der französische Konzern Valeo sein Hauptquartier für die "Vision Systems" hier aufgeschlagen.

Die Fahrt zum Valeo-Werk hat ein bisschen was von Ferien auf dem Bauernhof. Das 3.000-Einwohner-Städtchen liegt in einer landwirtschaftlich geprägten Umgebung. Das kann man riechen, wenn man am Hauptgebäude aus dem Auto steigt oder auf dem kleinen Testgelände ein paar Hundert Meter entfernt Prototypen unter die Lupe nimmt - der nächste Kuhstall kann nicht besonders weit weg sein.

Umso größer ist der Kontrast in den Produktionsstätten, in denen die sensiblen Kameras - Front- und Rückfahrkameras und solche für 360-Grad-Rundumsicht-Systeme - samt der dazugehörenden Elektronikkomponenten an sechs Tagen die Woche in drei 8-Stunden-Schichten produziert werden. Denn hier herrscht das französisch-irische Reinheitsgebot, das neben dem Hygienezweck auch noch dem Schutz vor elektrostatischen Entladungen dient. Das soll nicht den Menschen vor der Elektronik schützen, die von fleißigen Mitarbeitern in Tuam hergestellt wird, sondern umgekehrt.

Deshalb heißt es vor dem Betreten der Arbeitsbereiche: Kittel, Schutzhaube und Handschuhe anziehen und sogenannte "Antistatik-Bänder" über die Schuhe streifen. Vorher gewähren die Mitarbeiter keinen Einlass in den Hochsicherheitstrakt von Valeo. Die Umfeld-Kamerasysteme, die Valeo an nahezu alle Autohersteller verkauft, arbeiten mit einer Auflösung von 1,3 Megapixel. "Es wird in Richtung vier Megapixel bei der Auflösung gehen, um die Bildqualität noch weiter zu verbessern", verrät Harald Barth, Produkt- und Marketing-Manager der Driving Assistance Product Group im Hause Valeo.

Bis auf wenige Teile, etwa Bildsensor und Linse, die Valeo von Fremdfirmen einkauft, entwickelt und produziert das Unternehmen alles selbst - insgesamt im Jahr etwa sechs Millionen Kamerasysteme allein in Tuam, weltweit sind es zehn Millionen. Alle Kameras werden diversen System-Checks und Belastungstests unterzogen, bevor sie in einem Serien-Fahrzeug landen. Sicherheit und auch ein entsprechender Qualitätsanspruch sind groß geschrieben.

Zum aufwändigen Szenario gehören auch Funktionsprüfungen bei unterschiedlichen Straßenbelägen - die Kameras müssen schließlich immer ein klares Bild liefern - und in der sogenannten "EMV-Prüfkammer". EMV steht für elektromagnetische Verträglichkeit. Hier werden die Kontrolleinheiten für die Kamerasysteme zwei bis drei Wochen lang Härtetests unterzogen und für den Kunden validiert, also geprüft, ob sie dessen Einsatzanforderungen gerecht werden.

"Das Know-How und die hier entwickelten Fertigungsprozesse machen Valeo einzigartig", sagt Barth selbstbewusst beim Rundgang durch die Firma. 2007 hatte der französische Konzern den kleinen irischen Hersteller Connought Electronics gekauft und seitdem die Mitarbeiterzahl von damals 250 mehr als vervierfacht.

Die Qualität der Produkte scheint jedenfalls zu stimmen: "Park4U Remote", die nächste Version von Einparkhilfen, ist für den Pace-Award 2017 nominiert, den "Auto-Oscar", wie Harald Barth stolz sagt. Bei "Park4U Remote" wird mit vier Kameras und Sensoren die Umgebung "gescannt". Dabei kann der Fahrer oder Autolenker den Wagen mit seinem Smartphone als Fernsteuerung von außen beim Rangieren überwachen und den Vorgang jederzeit abbrechen.

Die in Tuam produzierten Kameras sind auch im Prototypen verbaut, der auf dem Testgelände nebenan steht. Auf den ersten Blick scheinen es ganz gewöhnliche BMW i3 und X5 zu sein, aber irgendetwas ist anders. Bei näherer Betrachtung wird klar, was ungewöhnlich ist: Die beiden Außenspiegel fehlen. Stattdessen sind zwei kleine, aerodynamische, ein paar Zentmeter von der Karosserie abstehende, Gehäuse montiert, in denen auf beiden Seiten Kameras untergebracht sind. Innen hat Valeo im Bereich der A-Säulen links und rechts Monitore verbaut, auf die das Bild von den Kameras geschickt wird.

"Sightstream" heißt das System. Für das spiegellose Auto sind die Anforderungen an die Technik höher als bei "einfachen" Einparkhilfen. Denn das Kamerabild muss in allen Lebenslagen gestochen scharf sein, auch bei Tempo 200 oder mehr auf der (deutschen) Autobahn. Damit das auch gelingt, müssen 60 Bilder pro Sekunde generiert werden, doppelt so viele als bei anderen Systemen des Herstellers. Vorteile: klare Sicht bei allen Bedingungen, auch bei Dunkelheit, weniger Luftwiderstand und damit weniger Kraftstoffverbrauch und ein deutlich kleinerer toter Winkel als beim herkömmlichen Spiegel. Nur die Optik ist irgendwie gewöhnungsbedürftig.

Mirko Stepan

Dieser Artikel aus der Kategorie SERVICE wurde von Mirko Stepan am 17.10.2016, 16:18 Uhr veröffentlicht.