MOTOR-EXCLUSIVE

Ralf Loweg - 20. Juni 2016, 13:39 Uhr MOTORSPORT

Le Mans: Porsche-Triumph im Rennen der Tränen

Le Mans hat schon viele verrückte Geschichten erlebt. Was sich diesmal beim berühmtesten 24-Stunden-Rennen der Welt abspielt, stellt jedoch alles in den Schatten: Porsche schnappt Toyota den schon sicher geglaubten Sieg auf den letzten Metern weg.

Le Mans hat schon viele verrückte Geschichten erlebt. Was sich diesmal beim berühmtesten 24-Stunden-Rennen der Welt abspielt, stellt allerdings alles in den Schatten. Bis zur letzten Runde sieht Toyota wie der sichere Sieger aus. Doch dann rollt der japanische TS050 Hybrid mit der Startnummer 5 auf der Ziellinie aus. Bei Toyota fließen die Tränen, ein paar Meter weiter bei Porsche können sie ihr Glück kaum fassen. Der Sportwagenhersteller aus Stuttgart feiert ein kaum für möglich gehaltenes Happy End. Durch das unfassbare Toyota-Drama ist für das Fahrer-Trio Romain Dumas, Neel Jani, und Marc Lieb im Porsche 919 Hybrid auf den letzten Metern plötzlich doch noch der Weg frei zum 18. Gesamtsieg an der Sarthe - kein Autobauer ist in Le Mans erfolgreicher.

Für das siegreiche Trio schließt sich in Le Mans ein Kreis: Die gleiche Fahrer-Besetzung hatte Ende 2014 in Brasilien auch den allerersten Sieg mit dem 662 kW/900 PS starken Prototypen errungen. Damit bleibt eine der begehrtesten Trophäen im Motorsport ein weiteres Jahr im Schwabenland. Nach dem Vorjahreserfolg war Porsche 2016 als Titelverteidiger angetreten. Der erste Gesamtsieg in Le Mans war der deutschen Marke am 14. Juni 1970 gelungen. Damals gewannen Hans Herrmann und Richard Attwood mit einem Porsche 917 KH (Kurzheck) Coupé.

Toyota bleibt letztlich nur ein zweiter Platz durch das Schwesternauto mit Stephane Sarrazin, Mike Conway und Kamui Kobayashi am Steuer. Doch das kann an diesem Tag niemanden im Team wirklich trösten. "Toyota reist mit gebrochenem Herzen ab", kommentiert das Portal "motorsport-total.com" treffend. Doch warum hat der TS050 Hybrid von Anthony Davidson, Sebastien Buemi und Kazuki Nakajima seinen Geist aufgegeben? Das Team steht vor einem Rätsel. Es war ein Problem mit dem Verbrennungsmotor, mehr ist noch nicht bekannt. Als Dritte schaffen vor 263.000 Zuschauern Lucas di Grassi, Loic Duval und Oliver Jarvis im Audi R18 den Sprung aufs Podest.

Der zweite Porsche 919 Hybrid mit der Startnummer 1 mit den Langstrecken-Weltmeistern Timo Bernhard, Brendon Hartley und Mark Webber am Steuer kommt nach einem langen Reparaturstopp und anschließender Aufholjagd auf den 13. Gesamtrang. Porsche führt die Hersteller-Wertung der Langstrecken-WM (WEC) jetzt mit 127 Punkten vor Audi (95) und Toyota (79). In der Fahrer-Wertung liegen die Le-Mans-Sieger Romain Dumas, Neel Jani sowie Marco Lieb an der Spitze.

In der Stunde des Triumphes waren die Gedanken der Porsche-Verantwortlichen auch beim Gegner. "Erst einmal möchte ich meinen großen Respekt vor der sensationellen Leistung ausdrücken, die Toyota in dem Rennen geliefert hat. Es war ein toller Zweikampf", sagte Porsche-Motorsportchef Fritz Enzinger. Die Stuttgarter hatten sich nach eigener Aussage kurz vor Schluss eigentlich schon auf den zweiten Platz eingestellt und nicht ernsthaft mit dem Sieg gerechnet. Umso größer war dann natürlich der Jubel. In der Garage lagen sich der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Wolfgang Porsche und Porsche-Chef Dr. Oliver Blume vor Freunde in den Armen.

Porsche-Teamchef Andreas Seidl sieht in dem Sieg auch eine Bestätigung der Strategie: "Wir wollten Toyota bis zum Schluss unter Druck setzen und sind die ganze Zeit Vollgas gefahren, auch die Fahrer waren am Limit." Seit dem Beginn der Entwicklung und Vorbereitung des 919 Hybrid im Winter habe man eine sensationelle Teamleistung abgeliefert, lobt Andreas Seidl: "Le Mans zu gewinnen, ist das Highlight der Saison. Wahnsinn, dass wir das in unserer erst dritten Saison wiederholt haben." Das passende Schlusswort liefert allerdings Audi-Pilot Oliver Jarvis: "Das Rennen kann man noch 1.000 Mal wiederholen, so etwas wird wohl nie wieder passieren. Meine Gedanken sind bei Toyota."

Über Le Mans sind schon viele spannende Filme gedreht worden. Der berühmteste ist ganz sicher der Hollywood-Streifen mit dem legendären Steve McQueen in der Hauptrolle. Doch für die Hauptdarsteller auf der Rennstrecke steht bereits fest: Das Drama 2016 hätte auch die Traumfabrik in Los Angeles nicht besser inszenieren könnten. Und wer weiß: Vielleicht flimmert der 18. Porsche-Sieg bald als Thriller über die Leinwand.

Ralf Loweg

Dieser Artikel aus der Kategorie MOTORSPORT wurde von Ralf Loweg am 20.06.2016, 13:39 Uhr veröffentlicht.