MOTOR-EXCLUSIVE

Rudolf Huber - 21. März 2016, 15:08 Uhr SPECIALS

Im Testcenter von Nissan: Folterkammer für neue Autos

Wenn ein neues Auto zu den Händlern kommt, hat es ein extrem komplexes Test- und Prüfprogramm hinter sich. Eigentlich lassen sich die Hersteller bei dieser Feinarbeit nicht beobachten. Nissan machte jetzt eine Ausnahme: Im streng gesicherten Nissan Technical Centre Europe (NTCE) in Barcelona konnten wir den Technikern über die Schulter schauen.

Wenn ein neues Auto zu den Händlern kommt, hat es ein extrem komplexes Test- und Prüfprogramm hinter sich bringen müssen. Unglaublich, welche Details die Ingenieure genau unter die Lupe nehmen, wie viele Fahrprogramme und Simulationen am Computer ablaufen. Eigentlich lassen sich die Hersteller bei dieser Feinarbeit nicht beobachten. Nissan machte jetzt eine Ausnahme: Im streng gesicherten Technical Centre Europe (NTCE) in Barcelona konnten wir den Technikern über die Schulter schauen - und einzelne Prüfpunkte sogar selbst erfahren.

Wie findet man schnell heraus, wie es um die Dauerhaltbarkeit eines neuen Modells bestellt ist? Die 470 Mitarbeiter des NTCE benutzen dazu den "Road Simulator". Das ist ein vier- und hochbeiniges Gestell, auf dessen Stelzen gerade je ein Reifen eines Qashqai fixiert ist. Und diese Maschine veranstaltet eine echte Höllenfahrt: Die einzelnen Beine sausen unterschiedlich weit und unterschiedlich schnell nach oben und nach unten, simulieren so eine Fahrt durch übles Gelände oder einen schnellen Trip über die Autobahn. Rund um die Uhr und sieben Tage die Woche läuft das Folterprogramm. "Wir können auf diese Weise ein Autoleben von zehn bis zwölf Jahren in drei bis vier Wochen nachahmen", sagt ein Techniker. Und das, ohne einen Meter zu fahren.

Keinen Meter vom Fleck kommen auch die Autos auf den Rollenprüfständen und die in massive Metallkäfige eingespannten Benzin- und Dieselmotoren. Auch sie laufen ohne Pause, Woche für Woche, Monat für Monat. Bis zu 50.000 simulierte Real-Kilometer läuft das Testprogramm am Stück, in dieser Zeit zeichnen Computer eine Fülle von Daten über Leistung, Verbrauch, Emissionen, Verschleiß und vieles mehr auf. Rund 40.000 unterschiedliche Parameter werden bei den Testverfahren berücksichtigt. Das Ziel: die eine, die optimale Einstellung für den Serienbetrieb.

Um den geht es auch in der Abteilung, in der einzelne Getriebe von Robotern Tausende und Abertausende Male durchgeschaltet werden. Und das alles bei extremen Schwankungen: In Klimakammern mit einem Temperaturbereich von der Arktis bis zur Sahara, also von minus 40 bis plus 90 Grad Celsius, oder dem Feinrüttler, bei dem eine Fülle von Sensoren die Eigenfrequenzen einzelner Bauteile erfassen und so die Daten für ein möglichst vibrationsarmes Fahrzeug liefern. Im Windkanal und in schallisolierten Kammern wird für einen möglichst hohen Akustik-Komfort geforscht.

Die Arbeit ist gerecht zwischen Menschen und Maschinen aufgeteilt, wo immer das Gefühl und der menschliche Geschmack eine Rolle spielen, sind auch Tester aus Fleisch und Blut in Aktion. Etwa bei der Abstimmung eines Getriebes für ein eher sportliches Fahrzeug, also eines mit kurzen, knackigen Schaltwegen. Zusätzlich werden Materialqualität und Dauerhaltbarkeit geprüft. Auch die von Fremdfabrikaten, denn im NTCE geht es immer um die Suche nach der "Benchmark" im Markt, also nach den Autos und den Komponenten, die aktuelle Standards setzen. Dazu gehört auch der VW Golf GTE, der verkabelt auf einem Prüfstand steht.

Unzählige Tests und Versuche müssen die im NTCE für Europa entwickelten und die in Japan für Europa gebauten Fahrzeuge absolvieren, ehe sie den Qualitätsstempel der Techniker in Barcelona bekommen. Aber bevor es so weit ist, stehen noch einmal die menschlichen Sensoren im Mittelpunkt. "Wir schließen das Programm immer mit echten Testfahrten ab", erklärt ein Techniker. Bei diesem "Precision Drive" werden zum Beispiel die Reaktionen eines neuen Autos in Kurven akribisch aufgezeichnet, es werden unterschiedliche Lenk-Abstimmungen durchprobiert, wird nach der angenehmsten Abstimmung von Motor und Getriebe beim Beschleunigen gesucht.

Feintuning ist angesagt, je nach Modell wird nach dem passenden Handling, nach der passenden Drehmoment-Entwicklung oder der idealen Bremsen-Abstimmung gesucht. "Es wird immer individuell auf die Bedürfnisse europäischer Kunden eingegangen", sagen die Japaner zur Zielsetzung im NTCE.

Rudolf Huber

Dieser Artikel aus der Kategorie SPECIALS wurde von Rudolf Huber am 21.03.2016, 15:08 Uhr veröffentlicht.