Stefan Grundhoff - 12. Januar 2016, 11:23 Uhr SPECIALS
NAIAS 2016: Europameisterschaften in Cobo
Selten bot die Detroit Motorshow so wenige echte Neuheiten wie 2016. Besonders die heimischen Hersteller enttäuschen auf der NAIAS. Die Europäer riskieren mehr.
17,4 Millionen verkaufte Autos waren fast sechs Prozent mehr als 2014 und verdrängten das bisherige Rekordjahr 2000 auf Platz zwei. Auch die deutschen Hersteller verbuchten mit 1,4 Millionen US-Verkäufen das erfolgreichste Jahr ihrer Import-Geschichte. VDA-Präsident Matthias Wissmann: "Man muss klar sehen, die USA sind für uns einer der beiden wichtigsten Exportmärkte der Welt. Neben allem, was wir hier vor Ort produzieren, geht auch vieles aus Deutschland direkt in die USA."
Doch es liegt nicht nur an den amerikanischen Filmsternchen, dass sich die NAIAS diesmal selbst auf den lokalen Fernsehanstalten schwertut. Es sind auch die Neuheiten, die in im Januar 2016 deutlich rarer gesät sind als erwartet. Gerade das in Detroit allzu gern verhätschelte Hersteller-Dreigestirn aus Ford, General Motors und Fiat Chrysler Automobiles bleibt weit hinter den Erwartungen zurück.
Da ist der mächtige Großraum-Van Chrysler Pacifica, der mit seinem variablen Innenraum und jeder Menge Platz für acht Personen für echte Aufmerksamkeit sorgt; auch weil der Familien-Transporter erstmals mit Plug-In-Hybridantrieb zu bekommen ist. Nach Europa kommt der bis zu 211 kW/287 PS starke Schiebetür-Van als Nachfahre des einst so erfolgreichen Voyagers nach der neuen Ausrichtung von FCA nicht mehr.
Mit dem Chevrolet Bolt - 150 kW/204 PS stark, mit 320 km Reichweite und 30.000 Dollar teuer - ist zumindest ein neuer Konkurrent für BMW i3 und Nissan Leaf entstanden. Doch das rund vier Meter lange Elektromobil hat GM-Chefin Mary Barra bereits vergangene Woche auf der CES in Las Vegas enthüllt. So bleibt es für die amerikanischen Hersteller bei müden Premieren wie dem Chevrolet Cruze Hatchback oder der Modellpflege des Ford Fusion, der in Europa als Mondeo verkauft wird. "Unser Star auf der NAIAS ist der Fusion", sagt Joe Hinrichs, von Ford of America, "wir setzen verstärkt auf Plug-In-Hybride; auch wenn die Nachfrage wegen der niedrigen Kraftstoffpreise aktuell gesunken ist." Ein paar Meter weiter zeigen Honda Ridgeline und die imposanten Kraftpakete Nissan Titan Warrior Concept sowie Ford F-150 Raptor, dass Pick-ups in den USA die treibende Kraft sind. Der F-150 ist seit 39 Jahren der meistverkaufte "Pritschen-Laster" in den USA. Weltweit sieht es kaum anders aus. Alle 19 Sekunden wird ein Pick-up aus Dearborne verkauft.
Geht es um die größte Aufmerksamkeit auf der Motorshow in der Cobo Hall, spielen die europäischen Hersteller die Hauptrolle. Neben der komplett neuen E-Klasse präsentiert Mercedes gleich noch das Luxus-Cabrio AMG S 65 und von US-Sternchen Ryn Weaver besungen den neuen SLC-Roadster, der den bisherigen SLK ablöst. "Wir sind der Hersteller von Traumwagen", unterstreicht Daimler-Chef Dieter Zetsche, dass die Schwaben ihr Heil mehr als erfolgreich in den oberen Segmenten suchen.
Audi legt seinen A4 Allroad nach und gibt mit dem h-tron quattro concept einen Ausblick in die Zukunft alternativer Kraftstoffe. Das Wasserstoff-Mobil wird von einer 110 kW/150 PS starken Brennstoffzelle und einem 100-kW-Akkupaket angetrieben. Die elektrische Reichweite beträgt 600 Kilometer. Porsche und BMW lassen es mit imposanten Kraftprotzen wie 911 Turbo S mit 427 kW/580 PS, X4 M40i 265 kW/360 PS und dem pausbäckigen M2 272 kW/370 PS kraftvoller denn je angehen. Da kann allenfalls noch Lexus mit seinem 348 kW/473 PS starken Luxus-Coupé LC 500 mithalten. Während Volvo mit dem S90 den Limousinen-Bruder des erfolgreich gestarteten XC90 präsentiert, zeigt Fords Luxus-Ableger Lincoln einen neuen Continental, der im Gegensatz zur eleganten Volvo-Limousine nicht nur von einem aufgeladenen Vierzylinder angetrieben wird. Schick: das neue Infiniti-Doppelpack aus Q50 / Q60 mit neuem V6-Doppelturbo.
Zwischen Demut und Optimismus laufen derzeit die öffentlichen Auftritte von Volkswagen ab. "2016 wird eines der wichtigsten Jahre für Volkswagen werden", unterstreicht VW-Marken-Chef Herbert Diess auf der NAIAS-Bühne. "Wir wollen die Dinge in Ordnung bringen und müssen das Vertrauen in unsere Marke zurückgewinnen." In das in der Diskussion befindliche US-Werk Chattanooga investiert Volkswagen 900 Millionen US-Dollar und schafft so unter anderem mit der Produktionslinie des US-SUV, das Ende 2016 seine Premiere feiert, 2.000 neue Arbeitsplätze. Herbert Diess erklärt: "Wir bieten mehr Qualität, Design und Innovationen als jede andere Volumenmarke." Produktmäßig sieht es bei Volkswagen auf der NAIAS jedoch blass aus. Immerhin belegt die Studie des Tiguan GTE Active Concept, dass die Wolfsburger die USA weiterhin im Blick haben und bald in jedem Segment einen SUV platzieren wollen.
Den Aufstieg in die Luxus-Klasse will Hyundai mit seiner neuen Submarke Genesis schaffen. Der neue G90 macht zumindest Geschmack auf den Teilaufstieg. Ob das wie bei der Toyota-Tochter Lexus reicht, um zumindest in den USA in der ersten Nobelliga mitzuspielen, muss die Zukunft zeigen. Die zeigt zumindest im Volumen auch 2016 nach oben. "Auch wenn wir 2016 in den USA ein neues Rekordjahr erwarten", räumt Steven Szakaly als Chef-Analyst der National Automobile Dealers Association (NADA) mit Blick auf bis zu 18 Millionen verkaufte Autos ein, "wird dies nur durch große Incentives ermöglicht, die die Kunden in die Schauräume locken. Das wäre ein Anstieg von rund zwei Prozent und das siebte Steigerungsjahr in Folge." Vielleicht gibt es beim nächsten Mal ein paar mehr amerikanische Neuheiten und die Golden Globes finden nicht wieder am Vorabend der NAIAS 2017 statt.
W. Gomoll/J. Oliveira/M. Sommer/S. Grundhoff
Dieser Artikel aus der Kategorie SPECIALS wurde von Stefan Grundhoff am 12.01.2016, 11:23 Uhr veröffentlicht.
