Thilo Kozik - 18. November 2015, 14:18 Uhr SPECIALS
EICMA 2015: Nabelschau der Motorradwelt
Einmal im Jahr schaut die Zweiradwelt nach Mailand, wenn im November die neuen Modelle für das kommende Jahr der Öffentlichkeit präsentiert werden. Und in diesem Jahr geizen die Zweiradhersteller auf der EICMA nicht mit interessanten Neuheiten. Eine Übersicht.
Allen voran die heimische Marke Ducati, die auf ihrer Heimmesse eine echte Neuheiten-Offensive präsentieren. Der traditionell sportorientierte Hersteller bietet mit der Panigale 959 einen "Einsteiger" in die Supersport-Welt mit 115 kW/157 PS an. Als Nachfolger der 899 Panigale bekommt der nun EURO 4-gemäße markentypische 90-Grad-Vau-Zwo-Motor mehr Hubraum spendiert, die Vollverkleidung wurde überarbeitet.
In eine ganz andere Kerbe haut die Ducati X-Diavel, ein Power-Cruiser klassischen amerikanischen Zuschnitts, aber mit italienischer Finesse bei Aussehen und Motor: Mit nach vorn versetzten Fußrasten und der long-and-low-Attitüde schielt sie auf den US-amerikanischen Markt, vermutlich aus dem gleichen Grund muss die Kette als Endantrieb einem wartungsarmen und unter amerikanischen Motorrad-Fetischisten beliebten Zahnriemenantrieb weichen und die 156 PS ans Hinterrad weiterleiten.
Als zweites Kapitel der erfolgreichen Scrambler-Geschichte - im ersten Jahr konnte Ducati weltweit 15.000 Einheiten absetzen - kommt Ducati mit einem wirklichen Einsteigermotorrad: Die neue Scrambler Sixty2 wird von einem luftgekühlten Vau-Zwo angetrieben, der aus knapp 400 ccm Hubraum immerhin 30 kW/41 PS holt und damit locker in die Führerschein-Klasse A2 fällt.
Vierte im Bologneser Bunde ist eigentlich ein Trio: Die Hypermotard-Serie aus Hypermotard, S-Version und Hyperstrada bekommt einen 937 ccm großen V2-Motor, der es auf 83 kW/113 PS und 98 Newtonmeter Drehmoment bringt - alles von elektronischen Helferlein eingebremst. Als weiteres Highlight präsentieren die Italiener eine geländegängige Version des Allrounders Multistrada: Die Enduro-Variante mit 160 PS soll mit 19-Zoll-Vorderrad und 17 Zoll hinten mit adäquater Bereifung, Speichenrädern, langen Federwegen und großem 30-Liter-Tank dem Platzhirsch BMW R 1200 GS das Leben etwas schwerer machen.
Die Münchener selbst stellen in Mailand neben dem letzte Woche präsentierten Weltmotorrad G 310 R die logische Erweiterung der erfolgreichen Retro-Boxer-Baureihe R nineT vor: Den R nineT Scrambler mit der typischen hoch verlegten Auspuffanlage und Faltenbälgen an der Telegabel. Doch der Scrambler trägt mehr Modifikationen in sich, als man sieht: Neben neuen Rädern mit groben Stollenreifen in typischer Offroad-Dimensionierung bietet das Bike mehr Federweg für einen gepflegten Geländeausritt, auch das modulare Rahmenkonzept mit demontierbarem Soziusrahmen und entsprechenden Variationsmöglichkeiten wurde für eine aufrechtere Ergonomie verändert. Optischen Retuschen erfreut sich die Mittelklasse-Endurobaureihe F 700 und F 800 GS mit einer größeren Sitzhöhen-Bandbreite, mit der nun von 765 mm bis 920 mm nahezu jede Fahrerstatur bedient wird.
Honda als weltgrößter Zweiradhersteller holt in diesem Jahr ein wenig Luft, auch wenn die heiß ersehnte Africa Twin endlich im Serientrimm zu sehen ist und fünf Mittelklasse-Allrounder überarbeitet antreten. So bekommen die beiden 500er-Reihenzweizylinder, das Naked Bike CB500F sowie die sportliche CBR500R, LED-Lichttechnik für Frontscheinwerfer und Rücklicht ebenso spendiert wie ein vergrößertes Tankvolumen mit aufklappbarem Tankdeckel und Zündschlüssel im "Wave"-Design. Ein leichterer und kürzerer Auspuff fördert die Zentralisierung der Massen und damit das Handling.
Auch die NC 750-Baureihe wird aufgefrischt: Integra, NC750S und NC750X entsprechen nun der EURO4-Abgasnorm, dazu erhält das Doppelkupplungsgetriebe einen dreistufigen Sport-Modus. Mehr Farboptionen für das LCD Display und ein tieferer Sound aus dem neuen Auspuff sollen das Fahrerlebnis, eine neu abgestimmte Showa-Vorderradgabel bei NC750X und Integra das Fahrgefühl verbessern.
Highlight am Honda-Stand ist aber die Serienversion der CRF1000L Africa Twin, die hier letztes Jahr noch als Prototyp enthüllt wurde. Herzstück ist ein neu entwickelter Viertakt-Reihenzweizylinder mit 998 ccm, der es mit kompakten Zylinderköpfen mit einer Nockenwelle und vier Ventilen auf 70 kW/95 PS bei 7.500/min und ein maximales Drehmoment von 98 Nm bringt. Eine Kurbelwelle mit 270-Grad-Kröpfung unterstützt die charakterstarke Auslegung, zwei Ausgleichswellen halten Vibrationen im Zaum. Als echter Geländegänger rollt die Africa Twin vorn auf einem 21-, hinten auf 18-Zoll-Rad. Neben der 208 Kilo leichten Standardversion ohne ABS oder Fahrhilfen gibt es eine ABS/HSTC-Version mit Motorschutz, Handprotektoren und Traktionskontrolle. Außerdem ist eine CRF-Version mit einem speziell auf den Geländeeinsatz abgestimmten Doppelkupplungsgetriebe erhältlich. Die neue Africa Twin wird schon ab Januar 2016 in drei Versionen beim Händler stehen: Die Standardversion startet bei 11.805 Euro. Mit ABS, Hand- und Unterfahrschutz sowie LED-Ausstattung ist sie 600 Euro teurer. Für das auf Geländebetrieb angepasste Doppelkupplungsgetriebe sind 1.120 Euro mehr einzukalkulieren.
Im Gegensatz zu Honda hat Yamaha die Lufthol-Phase hinter sich und gibt Vollgas. In Mailand zeigte die Stimmgabel-Marke gleich drei interessante Neuheiten: Die MT-03 nutzt den famosen Antrieb und Fahrwerk aus der YZF-R3, also einen durchzugsstarken dohc-Reihenzweizylinder, der aus 321 ccm Hubraum 31 kW/42 PS schöpft. ABS, LED-Blinker, ein 14-Liter-Tank und Siebzehnzollfahrwerk gehören ebenfalls dazu.
Als neues Oberhaupt der erfolgreichen MT-Familie kommt 2016 die MT-10, ausgerüstet mit dem Crossplane-Reihenvierzylinder aus der YZF-R1 des Jahres 2015. Mehr Drehmoment bei niedrigen und mittleren Drehzahlen sind die neuen Kennzeichen, wofür die Maximalleistung auf rund 160 PS zurück genommen wurde. Drei Fahrmodi, Traktionskontrolle, eine Rutschkupplung und der Leichtmetall-Deltabox-Brückenrahmen unterstreichen die sportlichen Gene, der knappe Radstand von 1.400 mm spricht für enorme Handlichkeit.
Drittes Yamaha-Modell ist ein Sport Heritage-Derivat der MT-09: Mit der XSR 900 kommt ein klassisches Sportmotorrad mit dem famosen 850-ccm3-Dreizylinder der MT-09, per Rutschkupplung, Fahrmodi und Traktionskontrolle domestiziert. Für die stilechte Optik zeichnet Roland Sands aus Kalifornien verantwortlich, der der XSR 900 das typische gelbe Yamaha-Block-Design verpasst hat, das in den Siebziger und Achtziger Jahren so populär war.
Thilo Kozik
Dieser Artikel aus der Kategorie SPECIALS wurde von Thilo Kozik am 18.11.2015, 14:18 Uhr veröffentlicht.
