MOTOR-EXCLUSIVE

Peter Maahn/SP-X - 28. Oktober 2015, 10:30 Uhr SPECIALS

Die neue Bescheidenheit bei VW - Tiefe Verbeugung

Erste große Automesse, seit der Dieselskandal über Volkswagen hereingebrochen ist. Auf der Tokio Motors Show entschuldigten sich der neue VW-Markenchef Herbert Diess und der Chef von Volkswagen Japan öffentlich für das Fehlverhalten. Dabei ist kein einziger heimischer Kunde direkt betroffen: VW verkauft gar keine Dieselmodelle in Japan.

Wesentlich Neues hat VW für das Messepublikum auf der Tokio Motorshow nicht zu bieten. Die Technik des neuen Tiguan mit Plug-in-Hybrid ist aus Golf und Passat schon bekannt. Die anderen Modelle rund um den Golf laufen ebenfalls schon geraume Zeit. Wie in den USA leidet VW auch in Japan unter fehlenden Modellneuheiten, was den zuletzt schleppenden Verkauf auf rund 60.000 Autos drückte. Wer also hätte in Tokio vom großen Toyota-Konkurrenten um die automobile Weltherrschaft Notiz nehmen sollen? Wenn da nicht der Betrugsskandal um die Abgaswerte von Millionen von Dieselmotoren wäre.

Wohl kaum einer mochte in der Haut des neue VW-Markenchefs Herbert Diess stecken, der auf dem VW-Messestand vor das Mikrophon treten musste. Ein Mann, der zu Zeiten des Skandals noch bei BMW unter Vertrag stand und allein schon deshalb über jeden Verdacht der Mitwisserschaft erhaben war. Und der sich trotzdem im Namen des Konzerns in aller Form bei der japanischen Kundschaft, den Medien und der Öffentlichkeit allgemein entschuldigte. Er versprach, mit aller Kraft das Problem der millionenfachen Rückrufe zu lösen, schonungslos aufzudecken, was passiert ist und vor allem sicherzustellen, dass ähnliches nie wieder passieren kann.

Allerdings verzichtete Diess auf eine typisch japanische Geste, die tiefe Verbeugung als traditionelles Zeichen für das Eingeständnis der Schuld und der Bitte um Vergebung. Die aber hatte bereits der japanische VW-Chef Sven Stein auf offener Bühne abgeleistet: Er verharrte sekundenlang in gebeugter Stellung. Dabei hätten beide deutschen Manager eigentlich recht entspannt nach Fernost reisen können: Da unter dem VW keine Dieselmodelle in Japan anbietet, ist kein Kunde von der Manipulation des Praxisverbrauchs, wie jetzt in den USA aufgedeckt, betroffen. Die für Anfang nächsten Jahres geplante Einführung von sogenannten ,,Clean-Diesel-Modellen" wurde jetzt aber um mindestens drei Monate verschoben. Dann werden sich wohl die heftigsten Wogen der Empörung geglättet haben. ,,Wir nehmen damit Rücksicht auf die Besorgnisse künftiger Kunden und wollen intensive Aufklärung bieten", begründet VW-Statthalter Stein den zeitweiligen Rückzieher in Sachen Dieseltriebwerke. Herbert Diess versprach unterdessen, ein ,,neues und besseres Volkswagen" zu schaffen, dass sich den Werten ,,Innovation, Verantwortung und bleibenden Werten" verschrieben hat.

Schließlich kam Herbert Diess auch auf den Verlust der zeitweiligen Position als Nummer 1 unter den weltweiten Autoherstellern zu sprechen. In der letzten Woche hatte sich nämlich Toyota den jahrelangen Stammplatz zurückerobert. Bedrängt mit der Frage, wann  Volkswagen wieder an die Spitze fahren könne, konterte der Markenchef ernst aber nachdrücklich: ,,Erst müssen wir das Vertrauen unserer Kunden zurückgewinnen, dann reden wir über Marktanteile".

Dieser Artikel aus der Kategorie SPECIALS wurde von Peter Maahn/SP-X am 28.10.2015, 10:30 Uhr veröffentlicht.