MOTOR-EXCLUSIVE

Alexandra Felts/SP-X - 29. Juni 2015, 12:01 Uhr SPECIALS

Goodwood Festival of Speed 2015 - Vollgas im Vorgarten

Einmal im Jahr ruft Lord March zur Gartenparty des Jahres auf seinem Landsitz Goodwood. Zwar werden auch Gurkensandwiches und Tee gereicht, aber als Beilage dazu gibt es das Getöse blaublütiger Rennmotoren serviert mit einer großzügigen Portion Rauch und Benzindunst.

Die Queen kommt nie. Sie bevorzugt eher Pferdestärken in naturbelassener Form. Und wenn es denn eine motorisierte Sänfte sein muss, dann lieber eine aus dem Ställen von Bentley oder Rolls-Royce, wobei die Marke mit dem doppelten "R" ihren Hauptsitz sowieso nur wenige Kilometer entfernt vom Landsitz Goodwood House des Earl of March hat. Was nicht heißt, dass man lieber unter sich bleibt. Zum alljährlichen Festival of Speed sind alle eingeladen, die für ein Wochenende in den Rausch der Geschwindigkeit eintauchen wollen. Briten pflegen ihre Traditionen. Dazu gehört neben der Monarchie eben auch der Motorsport. Enthusiasten nennen sich stolz "Petrol Heads", egal ob sie als bürgerliches Kind oder auf einem Herrensitz aufgewachsen sind.

Der kleine feine Unterschied: Der Großvater seiner Lordschaft, der Duke of Richmond, hat ihm statt einer Modelleisenbahn eine echte Bergrennstrecke, einen "Hillclimb", auf dem Anwesen hinterlassen, nicht zuletzt weil der alte Herzog selbst ein Petrol Head von hohen Gnaden war. Was aber nützt der schönste Titel, wenn der Staat auf einer drastischen Erbschaftssteuer besteht? Manche erklären ihr Schloss zum Denkmal und öffnen die Salons für Touristen. Charles Henry Gordon-Lennox, Earl of March and Kinrara, hatte nicht nur Benzin im Blut, sondern noch eine rettende Idee dazu: ein Festival rund um den Rennsport auf vier und zwei Rädern ausgetragen auf einer anspruchsvollen, engen, bergigen Strecke, deren knappe 1,9 Kilometer nicht nur direkt am Herrenhaus, sondern rallyemässig auch durch dichten Wald führt. Das Festival of Speed wurde Anfang der neunziger Jahre geboren und zählt heute zu den wichtigsten Terminen im Kalender des historischen Motorsports. Daneben ist der längst zu Wohlstand gekommene Aristokrat auch Organisator des kultigen Goodwood Revival, das im Spätsommer die gute, alte Motorzeit auferstehen lässt und auch das Publikum bittet, im Look vergangener Epochen zu erscheinen. Für diese benzingeschwängerte Nostalgie bietet Goodwood zusätzlich einen eigenen Rundkurs.

Während ringsum die Schafe der Pächter in der malerischen Landschaft Surreys weiden, zischen, jaulen, heulen, grummeln und donnern Ikonen des Motorsports am Vorgarten des Anwesens vorbei und das Publikum atmet beglückt und kenntnisreich die Dämpfe ein und unterhält sich anders als bei vielen Gartenpartys bestens. Wo sonst als beim Festival könnte man, während F1- oder Gruppe C-Monster mit Patina wie Ferrari, Ford, Lotus, Jaguar  oder Alfa gerade Pause machen, einem Defilee der Supermodels wie Aston Martin Vulcan, Chevrolet Corvette Zo6, Ferrari FXX-K, dem SCG 003 von James Glickenhaus, Porsche 918 Spyder und den überaus raren Paganis und Koenigseggs beiwohnen? Wo echte Models gelangweilt über den Laufsteg schreiten, geben die Fahrer hier zwischen den altmodischen Strohballen am Streckenrand richtig Gummi. Für Hersteller wie Audi, Bentley, Citroën, Mini und BMW oder Spezialisten wie AMG ist Goodwood auch der ideale Showroom unter Gleichgesinnten. Wie ein Collier schmiegen sich ihre großen Ausstellungszelte um das Herrenhaus und die Hüter der Tradition holen ihre besten Schätze für das Rennen aus dem Fundus.

Jedes Festival trägt ein anderes Thema, das auf typisch britische Weise Andacht und Ironie verbindet. In diesem Jahr hieß das Motto "Flat-out and fearless" (zu deutsch etwa: Vollgas und furchtlos) unter dem nicht nur die oft unterschätzte Motorsportkarriere von Mazda besonders hervorgehoben wurde, sondern auch denkwürdige Jubiläen: 60 Jahre ist es her, dass der große Stirling Moss in einem Mercedes-Benz 300 SLR die Mille Miglia mit einer sagenhaften Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 160 Stundenkilometern gewann. Sieben der acht je gebauten Modelle waren eigens deswegen nach Goodwood gebracht worden. Natürlich ist das Festival of Speed für aktuelle F1-Fahrer wie Kimi Räikkönen, Sebastian Vettel oder Weltmeister Lewis Hamilton ein Muss. Aber wenn man beobachtet, mit welchem Respekt die Besucher die Präsenz von Stirling Moss, dem fünfmaligen Le Mans-Gewinner Derek Bell oder dem deutschen Rennfahrer Hans Herrmann, der noch den legendären Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer erlebte, zollen, dann ahnt man, was Legenden der Leidenschaft sind. "Motorsport ist gefährlich", sagt Moss leise im Gespräch, "wir haben überlebt, weil wir sehr gut waren". Wenn man beobachtet, wie 85-jährige im Overall den Gehstock beiseite legen, um dann in einem betagten Rennwagen bar jeder helfenden Technologie aber mit Killer-Instinkt den Hillclimb ins Visier nehmen, dann hält dieser Sport auf seine sehr spezielle Art doch jung.

Niemand scheint Kosten und Mühen zu sparen, um berühmte Rennwagen wie den Porsche 917K, den Brabham-Ford BT30, den Ferrari 512 M oder Stars der US-Rennserie Nascar wie Chevrolet Monte Carlo, Toyota Tundra oder die Lancia, Audi und Subaru der vergangenen Rallye-Weltmeisterschaften in den Südwesten Englands zu transportieren. Nicht nur die Rivalen von einst sind bei diesem Klassentreffen vereint, auch die berühmten Fahrer lassen sich nicht lange bitten. Nick Heidfeld hält seit 1999 den Hillclimb-Rekord mit gut 41 Sekunden in seinem McLaren-Mercedes MP4/13. Für Virtuosen der manikürten F1-Kurse sind diese engen, unebenen Bedingungen des Bergrennens seiner Lordschaft anscheinend eine wahre Spielwiese.

Man muss nur einmal am Parkplatz oder am Hubschrauberlandeplatz vorbei flanieren, um sich bewusst zu machen, dass in Goodwood aber nicht nur viel PS und Drehmoment, sondern auch das Geld zur Party kommt. Längst nutzen auch spezialisierte Auktionshäuser wie Bonhams oder RM Auctions die Sammlerdichte bei Events wie Goodwood und Schönheitswettbewerbe der Klassiker wie Villa d`Este am Comer See oder Pebble Beach in Kalifornien für ihre Versteigerungen. Wie zweistellige Millionenbeträge für Sportwagen aus den sechziger Jahren jüngst zeigten, ist historisches Edelmetall eine clevere Investition. Star der diesjährigen Auktion war der grandiose Werks-Aston Martin "Ulster", ein Champion aus dem Jahr 1935, der für über vier Millionen Euro nach einem regelrechten Bieterduell den Besitzer wechselte. Nicht minder kostbar war auch der Batmobil-ähnliche Mercedes-Benz CLK GTR Roadster von 1998, der über zwei Millionen Euro erlöste. Aber ob ihre neue Eigner ihnen demnächst beim Festival of Speed Auslauf gönnen, ist fraglich.

Dieser Artikel aus der Kategorie SPECIALS wurde von Alexandra Felts/SP-X am 29.06.2015, 12:01 Uhr veröffentlicht.